Gedichte vergangener Monate von Friedrich Rückert

Schön im goldnen Ährenkranz
Hat der Sommer uns geblüht
Flüchtig kreist des Jahres Tanz,
Und der Sommer flieht.

Hascht den letzten Sonnenstrahl,
Der aus düstrer Wolke dringt,
Eh' sie euch zum letztenmal
Neidisch ihn verschlingt.

Brecht die Blum' am Wiesenquell,
Die noch trinkt das matte Licht,
Brüder, brecht die Blume schnell,
Eh' ein Frost sie bricht.

Traut dem nächsten Lenze nicht,
Der die Blumen neu erweckt;
Wißt ihr, ob im Lenze nicht
Erde schon euch deckt?

In den dunklen Schoß hinab
Dringt kein Gruß der Frühlingsluft,
Und die Blum' auf eurem Grab
Ist euch ohne Duft.

Friedrich Rückert, Haus und Jahr, Herbstlieder


Leicht vergeht ein Tag, an dem nicht was geschah,
Das herzlich mich erfreut, wenn ich es recht besah.
Wenn einer doch verging, an dem mir nichts des neuen
Erfreulichen geschehn, da muß mich altes freuen.

Friedrich Rückert, Weiheit des Brahmanen


Der Wettermacher

Wenn sich das Wetter schlecht läßt an,
Hab‘ ich den Trost erdacht:
Der Himmel, der es ändern kann,
Der sehe zu! was geht‘s mich an?
Hab ich‘s doch nicht gemacht!

Und wann die Luft sich aufgehellt,
Wie es mein Herz begehrt,
Dann blick‘ ich freudig in die Welt,
Als hätte man‘s bei mir bestellt,
Und ich hätt‘ es beschert.

Friedrich Rückert (1788-1866)
Haus und Jahr, Zweites Buch, Sechste Reihe, Herbst

Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu streicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.


Friedrich Rückert (1788-1866)
Haus und Jahr, Viertes Buch, Sechste Reihe, Herbst, Herbstlieder
Vertont von Hans Pfitzner (1869-1949), Opus 29,2


Die Monatsrose

Hoffnung ist die Monatsrose,
Deren Knospe viel verspricht,
Doch die kurze dauerlose
Flatterblüte hält es nicht.

Aber daß dich nicht gereue
Monatsrosenlebenslauf!
Hoffnung! geht doch eine neue
Knospe jeden Monat auf.


Das Leben ein Gesang

Daß mein Leben ein Gesang,
Sag ich's nur! geworden;
Jeder Sturm und jeder Drang
Dient ihm zu Akkorden!

Was mir nicht gesungen ist,
Ist mir nicht gelebet;
Was noch nicht bezwungen ist,
Sei noch angestrebet!

Von der Welt, die mich umringt,
Wüßt' ich unbezwingbar
Wen'ges nur; die Seele klingt,
Und die Welt ist singbar.


Die ungesuchten Lieder

Ihr meint, ich habe sie gesucht,
Weil ihrer sind so viele,
Sie suchten mich, ich nahm die Flucht,
Doch floh ich nur zum Spiele.

Die jüngste wollt' ich von der Hand
In vollem Ernste weisen,
Das doch auf seinem Recht bestand,
Den Schöpfer auch zu preisen.


Schneeglöckchen

Der Schnee, der gestern noch in Flöckchen
Vom Himmel fiel,
Hängt nun geronnen heut als Glöckchen
Am zarten Stiel.
Schneeglöckchen läutet, was bedeutet's
Im stillen Hain?

O komm geschwind! Im Haine läutet's
Den Frühling ein.
O kommt, ihr Blätter, Blüt' und Blume,
Die ihr noch träumt,
All zu des Frühlings Heiligtume!
Kommt ungesäumt!

Ein Festtag soll dich stärken

Ein Festtag soll dich stärken
zu deines Werktags Werken,
dass du an dein Geschäfte
mitbringst frische Kräfte.
Du darfst nicht in den Freuden
die Kräfte selbst vergeuden;
neu sollen sie ersprießen
aus mäßigem Genießen.


Der April zum Maien sprach

Der April zum Maien sprach:
Komm nun! alle sind sie wach,
Die ich aufgewecket.
Alle, die bedecket
Todesschlummer, rüttelt' ich,
Und sie warten nun auf dich;
Gib, was ich versprochen,
Ihrem Herzenspochen.

Gib dem Himmel Himmelsblau
Zum Gewand, und Grün der Au,
Und laß Taujuwelen
Nicht den Blumen fehlen.
Gib zu trinken jedem Gras
Deines Weins ein volles Glas,
Nester gib und Schatten
Allen Vogelsgatten,
Einen Blütenkranz dem Baum,
Und dem Dichter einen Traum,
Daß ihm Jugend wieder
Bringen seine Lieder."