Gedichte vergangener Monate von Friedrich Rückert


Schneeglöckchen

Der Schnee, der gestern noch in Flöckchen
Vom Himmel fiel,
Hängt nun geronnen heut als Glöckchen
Am zarten Stiel.
Schneeglöckchen läutet, was bedeutet's
Im stillen Hain?

O komm geschwind! Im Haine läutet's
Den Frühling ein.
O kommt, ihr Blätter, Blüt' und Blume,
Die ihr noch träumt,
All zu des Frühlings Heiligtume!
Kommt ungesäumt!

Ein Festtag soll dich stärken

Ein Festtag soll dich stärken
zu deines Werktags Werken,
dass du an dein Geschäfte
mitbringst frische Kräfte.
Du darfst nicht in den Freuden
die Kräfte selbst vergeuden;
neu sollen sie ersprießen
aus mäßigem Genießen.


Der April zum Maien sprach

Der April zum Maien sprach:
Komm nun! alle sind sie wach,
Die ich aufgewecket.
Alle, die bedecket
Todesschlummer, rüttelt' ich,
Und sie warten nun auf dich;
Gib, was ich versprochen,
Ihrem Herzenspochen.

Gib dem Himmel Himmelsblau
Zum Gewand, und Grün der Au,
Und laß Taujuwelen
Nicht den Blumen fehlen.
Gib zu trinken jedem Gras
Deines Weins ein volles Glas,
Nester gib und Schatten
Allen Vogelsgatten,
Einen Blütenkranz dem Baum,
Und dem Dichter einen Traum,
Daß ihm Jugend wieder
Bringen seine Lieder."